|
|
German
Die befleckte Leinwand: Zu Tony
Schermans "About 1789"
Geoff Pevere
"Es liegt alles in der Einstellung",
betont die Erzählerin von The Falls, einem verzwickt intelligenten
Dokumentarfilm von 1992 über Kanadas berühmteste Touristenfalle.
Der Filmeigentlich ein visueller Essaydes kanadischen
Journalisten Kevin McMahon, der zum Filmemacher wurde, ist eine
bemerkenswert selbstsichere Übung im Studium der Relativität
der Wahrnehmung. Formal wie gedanklich wird darin die Rolle des
Standpunkts bei der Interpretation hervorgehoben. Die stürzende
Flut der Niagarafälle hat zu verschiedenen Zeiten für
verschiedene Kulturen verschiedene Bedeutungen gehabt, je nachdem,
wofür sich die Augen interessierten, die auf den Abgrund schauten.
Auch an verschiedenen Stellen des Filmes selbst nehmen die Niagarafälle
verschiedene Bedeutungen für die verschiedenen Betrachter an.
Alles eine Sache der Einstellung, wie die Dame sagt.
In McMahons Film ist Einstellung
eigentlich nur ein anderes Wort für Wahrnehmung: was man sieht,
ist völlig abhängig davon, wo man steht. Und wer sich
die Gemälde von Tony Scherman anschautder weniger als
100 Kilometer von Niagara entfernt und in derselben Stadt wie McMahon
lebt und arbeitet, wird sie wahrscheinlich von mehreren Standpunkten
aus betrachten. Man braucht in der Tat viel Platz, um Schermans
betörende Porträtstudien richtig zu betrachten, erzwingen
sie doch verschiedene Interpretationen, je nach Standpunkt des Betrachters.
Es sind wirklich ganz verschiedene Bilder.
Nehmen wir zum Beispiel "Study
for the last Framboisier" (Studie für den letzten Himbeerstrauch),
ein Bild aus der neuen Serie von Porträts zur Französischen
Revolution mit dem Obertitel "About 1789"/Über/Um 1789schon
das an sich ein Titel, der in seiner beabsichtigten Ambivalenz die
Relativität von Bedeutung beschwört. Aus angemessener
Entfernung erscheint das Bild als eine gespenstisch schwellende
Studie einer edlen, aristokratischen Frucht kurz vorm Verfaulen.
Selbst die bunten, getrockneten Wachsbäche, die auf der Leinwand
hinunterlaufen, lassen sich aus dieser Entfernung in eine beinah
rein gegenständliche Deutung einfügen: überladen,
fast berstend, scheint die Tafel vor Verfall und Vernachlässigung
zu triefen. Man kann fast die Fliegen hören.
Bei näherem Hinsehen jedoch
beginnt die Bestimmtheit der Darstellung zu flimmern wie die Hitzeschwaden
über einem Highway in Ontario. Die unheimliche Frucht verwandelt
sich in faulendes Fleisch, die anderen Schichten evozieren Farbe
und Textur zerquetschten Fleisches und zermalmter Knochen. Vielleicht
liegt es am historischen Rahmen, daß uns die Guillotine in
den Sinn kommt, doch werden wir auch an Sex erinnert. (Wie der Mund
in "Study of Liberty", eine bläuliche, wollüstige Öffnung,
die gleichzeitig erotisch, abstoßend und hypnotisierend ist
und von der Leinwand zu tropfen scheint, sobald man sich ihrvorsichtig,
zögerndnähert. Gib mir Freiheit? Oder gib mir den
Tod?) Geht man noch näher an "Framboisier" heran, verwandelt
sich das Bild vollkommen in ein rein taktiles Erlebnis: ganz Wachs,
Farbe, Textur und Gegenstand. Es zwingt einen, es zu berührenwie
Scherman es selbst tut, wenn er es zeigtgleich einer Plastik,
die einem zunächst als Gemälde erschien. Hängt davon
ab, wie man sie anschaut. Ansichtssache. Liegt an der Einstellung.
Wie also soll man nun Scherman
einordnen, und wie vor allem diese fesselnde Serie revolutionärer
Inspirationen mit dem Titel "About 1789"? Das hängt gewiß
davon ab, wo man steht, es hängt aber auch davon ab, was man
in den Raum mitbringtwoher man kommt, wie lange man gefahren
und mit welchem Verkehrsmittel man gekommen ist. Manche ordnen sein
Werk in die Geschichte des Porträts ein, und zu dieser Geschichte
steht er ganz klar in einer nicht überraschend ambivalenten,
jedoch zweifellos produktiven Beziehung. Andere, darunter der Künstler
selber, neigen dazu, sein Werk in Beziehung zum Film zu sehen, vor
allem in seiner absichtlichen Verknüpfung von filmischen visuellen
Mittelnund vor allem der Großaufnahmemit Formen
des Erzählens.
Auch könnte man es im Rahmen
der Geschichte betrachten, der Französischen Revolution, was
der Titel der Serie ebenso nahelegt wie die einzelnen Bilder: Marat,
Napoleon, Freiheit, Varennes. Auf den ersten Blick wäre das
wohl der Rahmen, in den die meisten Leute die Bilder stellen würden,
und das ist natürlich. Schließlich sind wir eine Kultur
der Zeichen, Schilder, Symbole, Etiketten und Kategorien, und unsere
Reaktionen richten sich meistens nach den jeweiligen Gattungsetiketten.
Am Ende ist das jedoch die kleinlichste Annäherung an ein Werk
wie Schermans, denn damit wird Werk wie Reaktion in eine rein buchstäbliche
Form der rhetorischen Wechselrede von Reiz und Reaktion eingeschlossen.
Dabei kann man dann nur noch Schermans Interpretation von Napoleon
oder dem verrückten King George zustimmen oder sie ablehnen.
Oder sich staunend fragen, was das falsche Bukett mit "Varennes:
vormittags" zu tun hat, oder warum wir "Marie Antoinettes Hund"
ansehen. In Schermans Werk ist das Fragen wichtig. Wenn sich sagen
läßt, daß Bedeutung überall lauern kann, so
liegt sie doch nur im Akt der Interpretation. Am Ende hat das Werk
weit weniger mit der Französischen Revolution an sich zu tun,
als mit der Idee der Französischen Revolution, oder genauer
damit, wie uns diese Idee heute nach zwei Jahrhunderten kultureller
und historischer Nachbetrachtung erscheint. Das ist vermutlich,
was mit dem Nebel der Zeit gemeint ist. Gewiß werden wir damit
auf das Primat der Einstellung aufmerksam gemacht.
Auf dem Weg von Schermans Atelier
im Osten von Toronto ist mein Kopf ein niagaraähnlicher Strudel
von Assoziationen, und meine Gedanken wenden sich schließlich
ausgerechnet einer eindeutig pflanzlichen Form zu. Genauer, einem
Ahornblatt. Das so passend zarte, leicht vom Wind getriebene und
völlig zaghafte Symbol des Landes, in dem Scherman und ich
leben. Ich denke plötzlich über Kanada nach und über
die Relativität der Wahrnehmung, die zu einem bestimmenden
kulturellen Charakteristikum geworden ist. Es gibt womöglich
kein anderes Land auf der Welt, das die hoffnungslose Abhängigkeit
der Interpretation vom Standpunkt besser verstehen könnte,
denn es gibt bestimmt kein anderes Land, das das gleiche Schicksal
erlebt hat, geographisch an die mächtigste bilderproduzierende
Macht auf dem Planeten gebunden aufzuwachsen. Kanada, vor allem
das englische Kanada, ist ein Ort in einem Dauerzustand kognitiver
Dissonanz: während das meiste dessen, was wir sehen, hören,
konsumieren nicht von hier stammt, kann doch nichts davon das Gefühl
aus der Welt schaffen, daß etwas nicht ganz stimmt. Die Illusion
ist nicht vollständig, die Fusion ist nicht nahtlos, die Nähte
sind immer zu sehen. Auf der Leinwand ist ein Fleck.
Ich trete von dem furchteinflößenden
"Marat" zurück, auf dem der ermordete Republikanerund
Autor von L'Ami du peupleals ein schreiender Falke mit bohrenden
Blicken vor einem technicoloblauen Himmel dargestellt istwas
wiederum den kreischenden Kakadu in Xanadu in Citizen Kane erinnerterzähle
ich dem Künstler, daß ich an eine Kinoleinwand in Toronto
denken mu \ß. Ich habe dort einmal den (natürlich amerikanischen)
Film The Stepfather (Kill, Daddy, Kill!) gesehen, einen Horrorfilm
über einen Killer, der sich als typischer Familienvater aus
dem Vorort ausgibt, in Wirklichkeit aber Familien aus den Vororten
ermordet. Es ging in dem Film sowieso schon über das Trügerische
von Erscheinungen, doch der Stepfather bekam noch eine zusätzliche
Ebene verwirrender Ambivalenz durch einen großen Limonadenfleck
mitten auf der Leinwand. Wie spannend und entsetzlich die dramatischen
Vorgänge auch warenimmer wieder kam der Fleck zum Vorschein,
drängte sich auf und schuf eine unausweichliche und in diesem
Falle fast poetisch passende Spannung zwischen der dramatischen
Illusion und dem Material ihrer Vermittlung. Marat erinnert mich,
wie Schermans Werk allgemein, an die befleckte Leinwand.
Und da ihn der Vergleich mehr zu
interessieren als zu beleidigen scheint, erzähle ich ihm von
einer weiteren Leinwand, auf die mich sein Werk bringt. In der kleinen
Stadt in Ontario, ganz in der Nähe von Niagara Falls, wo ich
als Jugendlicher gelebt habe, gab es ein Drive-in-Kino in wirklich
komischer Nähe von einem der Großen Seen. Komisch, weil
in der erstickenden Feuchtigkeit der Sommerabende unweigerlich der
Nebel, wie Trockeneisschwaden bei einem Rockkonzert, über den
Parkplatz und vor die Leinwand zog. Wenn das anfing, wußte
man, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Leinwand völlig
verschwunden war, und dann hatte man nur noch die körperlosen
Stimmen, die knacksend aus den eisernen Lautsprechern kamen, die
am Fahrerfenster hingen. Wieder war es wie bei der befleckten Version
von The Stepfather, das Aufgehen in der Illusion wurde durch den
regelmäßigen Nebel unmöglich gemacht. Mit seinen
absichtlichen Versuchen, die Formen dramatischer Darstellung heraufzubeschwören
und gleichzeitig zu zerstören, erinnert mich Tony Schermans
Werk auch an diese Leinwand.
Auch wenn ich gewiß mutmaße,
so nehme ich es doch als Zeichen für Schermans tiefverwurzeltes
Anglo-Kanadiertum (er wurde in Toronto geboren, wo er nach längeren
Aufenthalten in Paris und London seit 1976 lebt), daß er die
Leinwandvergleiche nicht nur zu schätzen weiß, sondern
auch bekräftigt. Wie auch nicht? Schließlich dürfte
Kanada ein Land sein, in dem das Terrain zwischen Medium und Bedeutung
doch sehr vertraut ist und wo es eine deutliche Hypersensitivität
gegenüber der stofflichen Natur der Illusion gibt. Da wir schon
so lange am Empfängerende der Sendetürme amerikanischer
Kultur leben, haben wir den perfekten Standort, um den Widerspruch
zwischen Ausdruck und Form zu benennen und zu erkennen, wie es vielleicht
nur ein Kanadier konnte, daß das Medium und die Botschaft
wohl ein und dasselbe sein mögen. (Außerdem ist es bei
dem in Kanada meistens herrschenden Klima kein Wunder, daß
wir mehr TV gucken als die meisten anderen Länder auf dem Erdball.
Dazu noch Fernsehen von woanders.)
Marshall McLuhan, der die meiste
Zeit seines Lebens in Toronto verbracht hat, ist vielleicht der
erste international bekannte Kanadier gewesen, der sich auf die
Glasscheibe des Fernsehschirms konzentriert und darin das Paradigma
für die zeitgenössische Erfahrung gesehen hat, aber er
ist kaum der letzte. Die kanadische Comedy, die augenblicklich einen
auffallend starken Einfluß auf das amerikanische Mainstream-Kino
und -Fernsehen ausübt, ist schon in der ironischen Popkultur-Parodie
verwurzelt, seit den Endfünfzigern und frühen Sechzigern
ein Comedy-Team aus Toronto, Wayne und Shuster, 67 Auftritte in
der legendären amerikanischen Ed Sullivan Show hatte. Eine
der am erhabenst brillanten TV-Shows überhaupt, ein in Toronto
hergestelltes Comedy-Sketch-Programm mit
dem Titel SCTV, war das komische
Fernsehäquivalent zu McLuhans Gleichsetzung von Medium und
Botschaft, das heißt, es ging darin ebenso über den Akt
des TV-Guckens wie über das, was im Fernsehen zu sehen ist.
Das Zuschauenphysischer, kultureller und gelegentlich sogar
politischer Aktdürfte in der Tat
etwas sein, wovon die Kanadier
etwas verstehen, sondern
etwas, das besser als alle
andern zu verstehen sie verdammt sind. So hat die Romanautorin Margaret
Atwood vielleicht tatsächlich an einen Bildschirm gedacht,
als sie das Leben als Nachbar der Vereinigten Staaten mit dem Blick
durch den größten Einwegspiegel der Welt. Was ist schließlich
ein Bildschirm anderes als ein Spiegel, der nur eine Seite der Geschichte
reflektiert? Und was ist ein Kanadier anderes als ein Zuschauer
im Endstadium?
Es ist schon faszinierend, daß
so vieles an kanadischen Film und Fernseharbeiten, wie Tony Schermans
Porträtkunst, vom Sehen handelt. In David Cronenbergs unheimlichem
Meisterwerk Videodrome von 1982der einzige Film bisher, der
McLuhans Theorie in lebendige, dramatische Praxis umgesetzt hatwird
das Fernsehen zum Agenten einer fast viralen Bösartigkeit,
etwas, das jene, die ihm zuschauen, buchstäblich durchdringt
und in Besitz nimmt. Es schafft seine eigene Bedeutung, und es ist
ein unlösbarer Teil der zeitgenössischen Physiologie.
"Das Fernsehen", sagt im Film der durchs Fernsehen übertragene
Guru mit McLuhans Zügen, "ist die Netzhaut des geistigen Auges."
Ähnlich wird im Werk von Atom
Egoyanwie Cronenberg auch aus Torontodas Fernsehen zum
Magazin körperlicher wie emotionaler Wünsche, zum unentrinnbaren
Vermittler alles menschlichen Denkens und Fühlens. In Speaking
Parts (Traumrollen) von 1989 besucht eine trauernde Frau ein Video-Mausoleum,
und im selben Film wird eine andere Figur besessen von einem Statisten,
den sie am Rande eines Videofilms sieht. Der ödipale Konflikt
in Family Viewing (Familienbilder) wird über dem Thema eines
Videobands ausgespielt, und im selben Film ist der operative filmische
Standpunkt der Fernsehschirm: sieht man sich den Film an, kommt
man sich wie in einem Fernsehapparat vor, aus dem heraus man sich
die Handlung anschaut.
Dann ist da noch das Werk von Guy
Maddin, das Schermans in Nebel und Rauschen gehüllte Visionen
der Geschichte ähnlicher ist als das der beiden Obengenannten.
Maddin, geboren in Winnipeg, wo Marshall McLuhan aufwuchs, bevor
er nach Toronto ging, macht FilmeArchangel, Careful Twilight
of the Ice-Nymphsdie ebenso hoffnungslos fasziniert sind vom
Material der Leinwand wie von dem, was auf ihr passiert. Mehr noch.
Maddins Filme, die von beschädigten Bild und Tonspuren nur
so strotzen und an die post-romantische Treibhausatmosphäre
der Kindertage des Kinos erinnern, sind ein Akt ästhetischer
Archäologie. Sie zwingen uns, die Gegenwart durch den verfallenen
Filter der Vergangenheit zu sehen, und sie bieten die Leinwandso
hoffnungs kaputt sie auch istals das einzige Fenster, das
sich uns dazu bietet.
Als in Kanada lebender und arbeitender
Künstler ist es vielleicht Tony Schermans Schicksal, Porträts
zu schaffen, diewie McLuhan, Maddin, Egoyan, Cronenberg und
SCTVden Akt des Sehens zu ihrem eigentlichen Gegenstand machen.
Seine Gemälde sind die befleckten Leinwände, durch welche
Geschichte gequetscht und verzerrt und letzten Endes von zeitgenössischen
Augen erfahren wird; seine Porträts sind die Rahmen, durch
welche wir sehen lernen können, wie wenig tatsächlich
offensichtlich ist.
English
Images
|